ArtCatalyse International Ausstellungen

Aktuelle Ausschtellungen

Presstext


Was ist dem Men­schen die Pflanze? Die Ausstel­lung Grüne Mod­erne. Die neue Sicht auf Pflanzen führt zurück ins frühe 20. Jahrhun­dert und fragt nach der Darstel­lung der Pflanze in der Bil­den­den Kunst, ihr­er Be­trach­tung in der Bo­tanik und Ge­sellschaft all­ge­mein. Denn so nüchtern Topfpflanzen im Bild auf den er­sten Blick ausse­hen mö­gen, so sach­lich sich bo­tanische Berichte le­sen, erzählen sie im­mer auch von den Wider­sprüchen, Äng­sten, Sehn­sücht­en und Ide­olo­gien der Mod­erne.









 




































Grüne Moderne - Die neue Sicht auf Pflanzen

Museum Ludwig, Köln (Deutschland)
17.09.2022 - 22.01.2023


Précédent Suivant

Français
English

Die Ausstel­lung wid­met sich dem The­ma mit rund 130 Ex­po­nat­en in vi­er Kapiteln:


I. Die Pflanze als das An­dere


Mit ihrem Lied vom klei­nen grü­nen Kak­tus be­san­gen die Co­me­dian Har­mon­ists ein Gewächs, das zu An­fang des 20. Jahrhun­derts außeror­dentlich pop­ulär war. „Ge­jagt“ wur­den die Kak­teen in den bei­den Amerikas, um für den deutschen Markt weit­ergezüchtet und verkauft zu wer­den. Wie ein Großwild­jäger ließ sich der Pflanzen­samm­ler Curt Backe­berg in weißer Klei­dung und mit Las­so im Arm neben einem me­ter­ho­hen Kak­tus porträtieren. In­sofern waren die Zim­mergärten, die gepflegt, be­sun­gen, fo­to­gra­fiert und ge­malt wur­den, kolo­niale Zim­mergärten. Wer mod­ern sein wollte, um­gab sich zuhause mit Kak­teen, Gum­mibäu­men und an­deren Pflanzen, die im Freien nur in wärmeren Kli­ma­zo­nen wuch­sen, aber dank Koh­le­heizung und großer Fen­ster im pri­vat­en In­nen­raum zur Gel­tung ge­bracht wer­den kon­n­ten. Aenne Bier­mann fo­to­gra­fierte die Kak­teen ihr­er ei­ge­nen Samm­lung, Al­bert Renger-Patzsch sprach Empfeh­lun­gen zur Auf­nahme von Kak­teen für Hob­by-Fo­to­graf*in­nen aus, die Kun­sthis­torik­erin und Samm­lerin Rosa Schapire ließ sich von Karl Sch­midt-Rottluff ein „Kak­teen­heim“ ges­tal­ten. In In­terieur-Zeitschriften präsen­tierte man der­weil Stahl­rohr­mö­bel ganz selb­stver­ständlich neben Kak­teen.


II. Die Pflanze als das Angeeignete


Im Blu­men­k­leid zi­tierte auch die Neue Frau nach 1918 noch Flo­ra, die Göttin der Blüte. In ein­er Zeit zuneh­men­der „Gesch­lechterunord­nung“, in der kurze Haare nicht länger die sex­uelle Iden­tität ein­er Frau markierten und Mag­nus Hirsch­feld gesch­lecht­san­gleichende Op­er­a­tio­nen vor­nahm, blieb die Blume in der Mode präsent: Au­gust San­ders rauchende Garçonne An­neli Stro­hal trägt Blu­men auf ihrem Kleid, so wie Lili Elbe schon vor ihren Op­er­a­tio­nen. Und Mar­lene Di­et­rich lässt dem Knopfloch ihres dun­klen Anzugs eine überdi­men­sionierte Blüte ent­sprin­gen, einem Au­gen­zwink­ern gleich, denn die Angst vor der „Ver­männ­lichung“ der mod­er­nen Frau war im­mer wied­er for­muliert wor­den. Die Aneig­nung von Blüten als pas­sives Lock­o­r­gan im Di­en­ste der Fortpflanzung fin­d­et sich in wohl rit­uell­ster Aus­for­mung in Hochzeits­bildern, im Haar und in den Hän­den der Bräute. Auch un­ter der Klei­dung, näm­lich als Tat­too, ent­fal­tete sich Flo­rales, wie ein Blick auf die Tä­towierkunst Chris­tian War­lichs aus den 1920er Jahren zeigt.


III. Die Pflanze als Form und Farbe


Der Fo­to­graf Karl Bloss­feldt in­teressierte sich nicht für Pflanzen, deren Na­men und Ver­wen­dung. Was ihn in­teressierte, war ihre Form, die er für die Fo­to­gra­fie – manch­mal bis zur Un­ken­ntlichkeit – zurecht­s­tutzte, damit Kun­st­gewer­bler*in­nen sie als Vor­lage für ihre En­twürfe nutzen kon­n­ten. Auch in der pro­fes­sionellen Floris­tik di­ente die Pflanze als „Baustof­f“. An­dere, wie der Kün­stler Karl Sch­midt-Rottluff, ver­wen­de­ten Blu­men wie den gifti­gen Rit­ter­s­porn für eine kon­tras­treiche Far­bigkeit im Bild.


IV. Die Pflanze als Ver­wandte


Nicht nur den Philo­sophen Wal­ter Ben­jamin faszinierten die Fo­to­gra­fien von Pflanzen un­ter dem Mikroskop oder Auf­nah­men im Zei­traf­fer. Die Ki­nos waren voll, als 1926 Das Blu­men­wun­der das Pflanzen­da­sein ganz neu vor Au­gen führte. Dabei la­gen dem „Wun­der“ Zei­traf­fer-Lab­o­rauf­nah­men von Ex­per­i­men­ten mit dem er­sten kün­stlichen Dünger zu­grunde, der helfen sollte, die wach­sende Bevölkerung zu ernähren. Dass die Pflanze lebt, sich be­wegt, ei­nen Puls habe und er­mü­den könne, beschrieb der Physik­er Ja­gadish Chan­dra Bose in seinem pop­ulären Buch Die Pflanzen­schrift. Zur gleichen Zeit ließ der Bio­soph Ernst Fuhr­mann Pflanzen dra­ma­tisch beleuchtet und in­sze­niert für sei­nen Fo­to­band Die Pflanze als Le­be­we­sen ablicht­en. Die Grenzen zwischen den Lebens­for­men waren fluider ge­wor­den und so wun­dert es nicht, dass in Film und Lit­er­a­tur der Wei­mar­er Re­pub­lik auch Hor­ror­fan­tasien von Pflanzen zu verzeich­nen sind, et­wa zur fleisch­fressen­den Pflanze, deren An­erken­nung in der Bo­tanik erst mit Char­les Dar­win gelun­gen war.


Kün­stler*in­nen: Hans Arp, Max Baur, Arthur Ben­da, Aenne Bier­mann, Karl Bloss­feldt, Ot­to Dix, Al­fred Eisen­s­taedt, Hu­go Er­furth, Max Ernst, Ot­to Feld­mann, Ernst Fuhr­mann, Al­bert und Richard Theo­dor Got­theil, Erich Heck­el, Hein­rich Ho­er­le, Ernst Lud­wig Kirch­n­er, Wern­er Mantz, Franz Pich­ler jr., An­ton Räder­schei­dt, Al­bert Renger-Patzsch, Lud­wig Ernst Ronig, Au­gust San­der, Karl Schenk­er, Karl Sch­midt-Rottluff, Richard See­wald, Frie­drich Sei­den­stück­er, Franz Wil­helm Sei­w­ert, Renée Sin­te­nis, Carl Strüwe


Außer­dem: Mar­ta Ast­fal­ck-Vi­etz, Ja­gadish Chan­dra Bose, Co­me­dian Har­mon­ists, Lili Elbe, Wil­helm Mur­nau, Max Reich­mann, Chris­tian War­lich u.a.


Eco-cu­rat­ing: Nach­haltig ausstellen Grüne Mod­erne.


Die neue Sicht auf Pflanzen ist für das Mu­se­um Lud­wig ein Pi­lot­pro­jekt in nach­haltigem Ausstellen. Im Kli­maschutzge­setz hat sich Deutsch­land dazu verpflichtet, bis 2045 kli­ma­neu­tral zu han­deln. Köln plant die Kli­ma­neu­tral­ität bere­its bis 2035. Auch Kul­turein­rich­tun­gen wollen und müssen neue be­trieb­sökol­o­gische Stan­dards etablieren, be­son­ders Museen, die mit Kli­maan­la­gen, Beleuch­tung, Reisen und Tran­s­porten zu den großen CO2-Emit­ten­ten in­n­er­halb des Kul­tursek­tors zählen. Grüne Mod­erne. Die neue Sicht auf Pflanzen wird da­her Möglichkeit­en nach­halti­gen Ausstel­lungs­machens erkun­den und trans­par­ent machen. So soll die Trans­for­ma­tion weit­erge­führt wer­den, die mit dem Team Nach­haltigkeit am Mu­se­um ein­geleit­et wurde und deren Ziele im Nach­haltigkeits­bericht des Deutschen Nach­haltigkeit­skodex nachzule­sen sind. Res­sour­cen scho­nen und weniger CO2 emit­tieren kön­nen wir durch das Ar­beit­en mit der ei­ge­nen Samm­lung, denn so lassen sich Tran­s­porte und Kun­stver­pack­un­gen vermei­den. Auf der Dachter­rasse des Mu­se­um Lud­wig wer­den ausge­di­ente Tran­s­portk­is­ten, die im laufen­d­en Be­trieb noch an­fall­en, nun als Hoch­beete re­cycelt. Darin wer­den Kräuter ge­zo­gen, das dank ein­er Ko­op­er­a­tion im Rah­men der Ausstel­lung im Mu­se­um­s­res­tau­rant ve­rar­beit­et wird. Den­noch verzicht­en wir nicht auf Bilder jen­seits der ei­ge­nen Samm­lung, nur auf Orig­i­nale. Um Holz und Wass­er zu scho­nen, wird der Ka­t­a­log on­line un­ter www.gruene-mod­erne.de kli­ma­neu­tral ge­hostet und damit für jede*n kosten­frei zugänglich. Alle an­deren Print­pro­dukte wer­den auf Blauer En­gel-zer­ti­fiziertem Pa­pi­er mit min­er­alöl­frei­er Farbe lokal ge­druckt. Die Ausstel­lungsar­chitek­tur wird aus früheren Ausstel­lun­gen weit­er­ver­wen­det oder von der hau­sei­ge­nen Schreinerei re­cycelt. Seit 2021 bezie­ht das Mu­se­um Strom zu 100 Prozent aus Wasserkraft. Und von je­dem Ein­tritt­stick­et fließt ein Eu­ro in Na­turschutzpro­jekte.





 

Ausstellung 17 September 2022 - 22.Januar 2023. Museum Ludwig, Cologne, Heinrich-Böll-Platz - 50667 Cologne (Deutschland). T +49 221 22126165.

Öff­nungszeit­en :

Di­en­s­tag – Son­n­tag (in­kl. Feier­tage*): 10 – 18 Uhr






















 





 



























 





 











Grüne Moderne - Die neue Sicht auf Pflanzen, Museum Ludwig, Köln, Deutschland

© ArtCatalyse International / Marika Prévosto 2022. Alle Rechte vorbehalten

View of Green Modernism: The New View of Plants, Museum Ludwig, Cologne, 2022. Photo: Leonie Braun

View of Green Modernism: The New View of Plants, Museum Ludwig, Cologne, 2022. Photo: Leonie Braun