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In Anbetracht der planetarischen Krise ist die Vermüllung des Planeten – neben dem Klimawandel und dem Artensterben – erneut ins Zentrum künstlerischer Praktiken gerückt. Die Gruppenausstellung Territories of Waste im Museum Tinguely stellt diese Positionen zeitgenössischer Kunst in den Mittelpunkt und fragt danach, auf welchen Gebieten sich die Auseinandersetzung mit dem Übrigen heute manifestiert, um damit zugleich einen neuen Blick zurück auf die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu werfen. Die Gruppenausstellung versteht sich als eine Anhäufung oder Ansammlung vieler Stimmen, die das dynamisch Vermischte des Mülls auch als strukturierenden Begriff ernst nimmt. Die sich im Raum ausbreitende Ausstellungs­landschaft lässt sich sechs zentralen Themenbereichen zuordnen, die sie wie ein Netz durchziehen.









 




































Territories of Waste - Uber die Wiederlehr des Verdrängten

Museum Tinguely, Basel (Schweiz)
14.09.2022 - 08.01.2023


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Schon in den 1960er Jahren haben die Künstlerinnen und Künstler des Nouveau Réalisme und der Junk Art (darunter auch Jean Tinguely) den fundamentalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel vom Mangel zur Konsum- und damit einhergehenden Wegwerfgesellschaft in ihrer Praxis durch die Verwendung von Abfall und Schrott als Material ihrer Kunstwerke gespiegelt. Während die Abfallberge der überquellenden Deponien und der achtlos in der Natur entsorgte Müll in den 1960er Jahren überall sichtbar wurde, ist er heute in den westlichen Teilen der globalisierten Welt im Wesentlichen unsichtbar. Eine ausdifferenzierte Abfallwirtschaft entledigt uns von Unrat und Schmutz ebenso wie von den Überresten unseres Konsumverhaltens. Sortiert, abtransportiert, verbrannt, geklärt, kompostiert, recycelt, in Bergwerken deponiert und exportiert ist das Ausgesonderte zwar nicht weg, aber immerhin fort.


Heute wird in den zeitgenössischen Diskursen und ästhetischen Praktiken nach den versteckten und verdrängten ökologischen, geologischen und globalen Bedingungen unseres Konsums gefragt. So hat die Thematisierung der unsichtbaren Mikrodimension des Mülls in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die erdumspannende Omnipräsenz dieser Form von Abfall in Luft, Erde, Wasser, Eis und Lebewesen – und das auch in von Menschen nie betretenen Gebieten – hat nachhaltig die Vorstellung von Natur revidiert. Gegenwärtig widmen sich Künstler:innen insbesondere auch verstärkt der territorialen Verschiebungen von Waste entlang kolonialer Geografien. Zusammen mit den globalen werden die geologischen Aspekte in den Vordergrund gerückt. Zentral für diese «geosphärische» Bedeutung ist die Reflexion über die ökologischen Dimensionen von Rohstoffgewinnung insbesondere im Bergbau.


Behandelt werden die territoriale Verschiebung von Waste entlang kolonialer Geografien, die den Export von Müll aber auch den Abraum der Rohstoffgewinnung in neo-kolonialen Ausbeutungsstrukturen umfassen. Hierbei liegt ein Fokus auch auf den elektronischen Kommunikationsgeräten und den für ihre Herstellung benötigten Metallen und seltenen Erden.


Abfallbeseitigung ist eine Industrie, die heute hochgradig automatisiert ist. Moderne Waste-Management-Anlagen spiegeln in ihrer Struktur die Abtrennung des Verworfenen von der Gesellschaft. Abfall und seine «Entsorgung» soll möglichst unsichtbar bleiben. Gleichzeitig ist die mit der Reinigung verbundene körperliche Arbeit und der Kontakt mit dem «Entsorgten» eng verwoben mit gesellschaftlicher Hierarchisierung, Ausgrenzung, gar Stigmatisierung. Diese soziale Komponente auch im Hinblick auf Herkunft und Geschlechtszuschreibungen bildet einen zweiten thematischen Bereich der Ausstellung.


Weitere Arbeiten der Ausstellung beschäftigen sich mit der Verschmutzung von Luft und Wasser, den Ozeanen. Sie machen auch die auf den ersten Blick unsichtbare Mikrodimension des Übrigen sichtbar und verabschieden die noch immer vorherrschende romantische Vorstellung der unberührten Natur endgültig. Unser Waste durchzieht bereits die gesamte Ökosphäre.


Die Ausstel­lung überschreitet in einem weiteren Bereich auch die physischen und geologischen Territorien und lotet die Begriffe von Müll und Reinigung in der Sphäre des Digitalen aus. Was passiert mit Dateien, die wir in den «Papierkorb» verschieben. Es stellt sich heraus: Auch gelöschte Daten sind nicht einfach weg.


Mit den Begriffen von Kompost, Humus und gesellschaftliche Kohabitation werden die Potentiale des Übrigen als neue Denk- und Lebensformen ebenso wie für neue Allianzen thematisiert. Die hier gezeigten Werke verbinden und durchkreuzen dafür die Bereiche von Natur und Kultur sowie Mensch und Umwelt.


Artists: Arman, Helène Aylon, Lothar Baumgarten, Anca Benera & Arnold Estefán, Joseph Beuys, Rudy Burckhardt, Carolina Caycedo, Revital Cohen & Tuur Van Balen, Julien Creuzet, Agnes Denes, Douglas Dunn, Julian Aaron Flavin, Nicolás García Uriburu, Hans Haacke, Eric Hattan, Eloise Hawser, Fabienne Hess, Barbara Klemm, Max Leiß, Diana Lelonek, Jean-Pierre Mirouze, Hira Nabi, Otobong Nkanga, Otto Piene, realities:united, Romy Rüegger, Ed Ruscha, Tita Salina & Irwan Ahmett, Tejal Shah, Mierle Laderman Ukeles, Raul Walch, Pinar Yoldaş.


Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Sandra Beate Reimann.




 

Ausstellung 14.September 2022 - 08.Januar 2023. Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1 - 4002 Basel (Schweiz). T. +41 61 681 93 20.





















 





 



























 





 











Hira Nabi, «All That Perishes at the Edge of Land», 2019 (Filmstill); Film, Farbe, Ton, 30 min; Courtesy the artist © Hira Nabi

Hira Nabi, «All That Perishes at the Edge of Land», 2019 (Filmstill); Film, Farbe, Ton, 30 min; Courtesy the artist © Hira Nabi

Territories of Waste - über die Wiederlehr des Verdrängten, Musem Tinguely, Basel, Schweiz

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